Verlag Das Brennglas

Krankheit auf dem Teller?

Von Julia Brunke

In den letzten Jahren haben sich die Meldungen über Lebensmittelskandale und »Tier-Seuchen« regelrecht überschlagen: EHAC, der Dioxin-Skandal und der Antibiotika-Skandal beherrschten die Schlagzeilen. Doch auch von Salmonellen, Trichinen, E-coli, Quecksilber und Gammelfleisch ist immer wieder zu lesen. Nicht so bekannt, aber äußerst brisant: Wussten Sie, dass die chronische Darmkrankheit Morbus Crohn mit MAP bei Rindern in Zusammenhang steht?

Der Konsum von kontaminiertem Fleisch und Milchprodukten kann für den Menschen gefährlich werden. Die industrielle Massentierhaltung fördert die Ausbreitung von Krankheiten geradezu. Und je enger die Tiere zusammengepfercht sind, desto eher stecken sie ihre Artgenossen an. Darum werden die Tiere mit Medikamenten vollgestopft - was vor Salmonellen & Co auch nicht schützt, da die Erreger resistent werden. Der Dioxin-Skandal Anfang 2011 lenkte das Augenmerk auf die Futtermittelindustrie: Was wird den Tieren - und anschließend den Verbrauchern - da eigentlich zum Fraß vorgeworfen? Auch Gammelfleisch wird immer wieder aufgetischt: Umdeklariert oder umetikettiert gelangt es in den Handel.

Dioxin in Milchprodukten, Eiern und Fleisch

Immer wieder gibt es Meldungen über Dioxin in Fisch, Milch, Käse, Eiern und Fleisch. Zu Beginn des Jahres 2011 wurde Dioxin in deutlich grenzwertüberschreitenden Mengen in Eiern und Schweinefleisch nachgewiesen. Nachdem bekannt geworden war, dass 527 Tonnen dioxinverseuchtes Futter an Massentierhaltungen geliefert worden waren, wurden tausende Legehennen-Farmen, Schweine- und Putenzuchtbetriebe gesperrt, zigtausende Legehennen und Schweine getötet und weggeworfen.

Nur wenige Tage nach dem ersten Futtermittel-Skandal drangen weitere neue Dioxin-Fälle und Pannen an die Öffentlichkeit, wieder wurden Tierhaltungen gesperrt. Doch hundertausende belastete Eier sowie Schweinefleisch waren bereits im Handel und zum Großteil längst verzehrt. Der Absatz von Eiern ging um 20 Prozent zurück. Auch dioxinverseuchtes Schweinefleisch war ebenfalls längst in den Handel gelangt und gegessen. Der Markt für Schweinefleisch brach dramatisch ein - vorübergehend. Bekanntlich vergisst der Verbraucher schnell. Und so wurde das Fleisch kurzerhand eingefroren und zur sommerlichen Grillsaison wieder auf den Markt geworfen.

Dioxin kann nicht nur Krebs auslösen, sondern auch das Immunsystem, die Leber und das Nervensystem schädigen.

Die Hälfte der Antibiotika, die in der Welt produziert werden, landen nicht bei kranken Menschen, sondern in der Massentierhaltung. Mehrere tausend Tonnen Antibiotika werden jedes Jahr allein in der Europäischen Union an landwirtschaftliche Nutztiere wie Schweine, Rinder oder Geflügel verabreicht.

»Ohne Einsatz der Mittel schaffen es die Hühner in großen Ställen häufig nicht, bis zum Ende ihrer Mastzeit zu überleben«, so die Leiterin der Abteilung Verbraucherschutz und Tiergesundheit, Heidemarie Helmsmüller, gegenüber NDR Info (25.10.2010)

Zügelloser Antibiotikaeinsatz in der Massentierhaltung führt zu Resistenzen. Das heißt: Die bisher wichtigsten Medikamente gegen bakterielle Infektionskrankheiten verlieren immer mehr an Wirksamkeit. Die Folge: Eine nicht mehr zu beherrschende Gefahr für die Gesundheit von Mensch und Tier.
48 Prozent der Salmonellen in Nutztieren und Fleisch sind inzwischen resistent gegenüber gängigen Antibiotika. Dabei nimmt der Anteil der sogar gegen so genannte Notfall-Antibiotika resistenten Stämme zu. Salmonellen gehören zu den häufigsten Auslösern von Lebensmittelinfektionen beim Menschen. Doch auch bei anderen gefährlichen Erregern wie Escherichia coli und Campylobacter nehmen die Resistenzen zu.
»Resistenzen bei Krankheitserregern in Tieren und auf Lebensmitteln sind ein gravierendes Problem im gesundheitlichen Verbraucherschutz«, so das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). »Infektionen mit resistenten Erregern können beim Menschen den Verlauf von Erkrankungen verlängern und erschweren. Sie können Krankenhausaufenthalte erforderlich machen und in bestimmten Fällen auch lebensbedrohlich werden.« (Quelle: Bundesinstitut für Risikobewertung BfR, 13.12.2010)

Quecksilber in Fisch

In allen Weltmeeren sammelt sich infolge der industriellen Verschmutzung giftiges Quecksilber im Körper von Fischen und Schalentieren an, das in ihrem Gewebe gespeichert wird. Besonders giftig ist eine spezielle Quecksilberverbindung, das Methylquecksilber, dass Fische und Schalentiere in ihren Organen einlagern.

Bei Zuchtfischen ist es nicht besser. Zuchtlachse enthalten meistsogar wesentlich mehr Dioxine, PCBs, DDT und andere Gifte als im Meer gefangene frei lebende Lachse. Der Grund: In den so genannten Aqua-Kulturen werden die Tiere wie in jeder Massentierhaltung auf viel zu engem Raum unnatürlich gehalten. Damit die Fische deswegen nicht erkranken, werden dem Futter sehr oft Medikamente und/oder Antibiotika beigemischt. Außerdem wird auch viel Fischmehl verfüttert, das wiederum aus Meeresfischen hergestellt wurde - wodurch sich alle Schadstoffe aus dem Meer auch in den Zuchtfischen anreichern.

Bei Menschen kann die Akkumulierung dieses Gifts zu schwerwiegenden Gesundheitsproblemen führen. Das Spektrum reicht von Nieren- oder Leberschäden über neurologische Erkrankungen, Persönlichkeitsveränderungen und Hirnschäden bis hin zum Tod durch Organversagen. Auch bei ungeborenen Kindern kann durch die Mutter weitergegebenes Quecksilber verheerende Schäden anrichten. Die Folgen sind Fehlgeburten und Entwicklungsschäden bei Föten. Die Hauptbelastung der Allgemeinbevölkerung wird durch Freisetzung von Quecksilberdampf aus Amalgamfüllungen und den Konsum von Fisch hervorgerufen.

Eine Studie der Ärztin Dr. Jane Hightower aus San Francisco zeigt, dass viele ihrer Patienten einen hohen Quecksilberspiegel und typische Symptome einer Quecksilbervergiftung aufwiesen. Sie beobachtete, dass die Symptome ihrer Patienten abnahmen, wenn diese aufhörten, Fisch zu essen. (Quelle: www.fischen-tut-weh.de)

Salmonellen in Milchprodukten, rohen Eiern, Fleisch und Wurst

Salmonellen können besonders im Sommer in Eiscreme, Pudding oder Rohmilchkäse vorkommen, aber auch in rohem Fleisch oder in Wurst, die bei der Herstellung nicht genügend erhitzt wurde. Riskant sind auch Lebensmittel, die rohe Eier enthalten: Mayonnaise oder Desserts wie Tiramisu. Salmonellen gedeihen bei Temperaturen zwischen 10 bis 47 Grad Celsius, und sogar Einfrieren tötet sie nicht ab - im Gegenteil: Wenn kontaminierte Lebensmittel aufgetaut werden, vermehren sich die Salmonellen sogar.

In der Massentierhaltung sind Salmonellen weit verbreitet: Studien des Bundesinstitutes für Risikobewertung belegen, dass rund zehn Prozent der deutschen Mastputen Salmonellen haben - und jede dritte (!) Legehennen-Herde. Die Tiere werden nicht zwangsläufig krank, sie übertragen die Bazillen aber. (Quelle: www.stern.de, 1.4.2008) Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat die Gesundheitsrisiken durch Salmonellen bei Schweinen bewertet. Demnach sind Schweine und Schweinefleisch für 10 bis 20 Prozent aller Salmonellosefälle bei EU-Bürgern verantwortlich. (Pressemitteilung EFSA, 19. April 2010)

Die Salmonellose, der Salmonellen-Befall beim Menschen, führt zu Magen-Darm-Entzündungen mit Übelkeit, Durchfall, Erbrechen, Fieber und Kopfschmerzen. Gefährlich kann die Infektion bei Kindern, älteren oder kranken Menschen sowie bei Menschen mit einem geschwächsten Immunsystem werden.

Salmonelleninfektionen sind inzwischen die häufigsten Lebensmittel Vergiftungen. Über 120.000 Infektionen werden in Deutschland pro Jahr gemeldet, die Dunkelziffer wird bis über eine Million geschätzt. Etwa 1.000 Menschen sterben jedes Jahr durch Infektionen mit Salmonellen. Damit haben sich Salmonellen Vergiftungen in den letzten Jahrzehnten rapide vermehrt.

Campylobacter-Infektion

Eine Campylobacter-Infektion ist eine durch Bakterien ausgelöste Darmentzündung (Enteritis). Die Campylobacter-Bakterien kommen in verschmutzten Lebensmitteln vor, in unzureichend erhitztem Schlachtgeflügel, Innereien, Fleisch von Rind, Schaf und Schwein (vor allem rohes Hackfleisch) sowie in Rohmilch. Campylobacter-Bakterien sind für bis zu 10 Prozent der Enteritisfälle in Deutschland verantwortlich und damit nach Salmonellen der zweithäufigste bakterielle Enteritiserreger.

Trichinen in Schweinen

Trichinen sind die Larven des Fadenwurms Trichinella. Der Fadenwurm ist ein Parasit und bevorzugt Haus- und Wildschweine. Menschen können sich mit dem Wurm anstecken, wenn sie infiziertes Fleisch oder Wurst essen. In der EU ist es vorgeschrieben, dass Veterinäre Schlachttiere auf Trichinen untersuchen. Allerdings wird nicht jedes geschlachtete Tier kontrolliert. Gilt ein Betrieb als amtlich trichinenfrei oder eine Region als wenig gefährdet, werden oft nur Stichproben gemacht.

Die Trichinen können durch Rohwurst, Mett oder ungenügend gegartes Fleisch übertragen werden. Auch das Essen von Wildschweinen kann gefährlich sein. In Deutschland infizieren sich immer wieder Menschen mit Trichinen.

Bei einer Infektion nisten sich die Larven im Darm ein und wachsen dort zu Würmern heran, die wiederum Larven freisetzen. Diese Miniwürmer wandern durch die Darmwand in die Blutbahnen und gelangen in den gesamten Körper. Trichinen führen beim Menschen zu Schwindel, Bauchschmerzen, Erbrechen und Durchfall. Verbreiten sich dann die Larven im Körper, kann dies zu Schwäche, Fieber und Ödemen im Gesichtsbereich führen. Diese Symptome können bis zu einem Jahr anhalten. Bei geschwächten Personen kann die Infektion auch tödlich ausgehen.

Paratuberkulose bei Rindern und Morbus Crohn beim Menschen

Der Paratuberkuloseerreger Mycobacterium avium paratuberculosis (MAP) bei Rindern wird seit Jahren von Wissenschaftlern mit der Darmentzündung Morbus Crohn in Zusammenhang gebracht.

In Deutschland ist jede dritte Milchviehhaltung von der Darmerkrankung »Paratuberkulose« betroffen. MAP ist in Milch, Milchprodukten und Fleisch nachweisbar, gelangt über die Gülledüngung aber auch in Gemüse, Oberflächen- und Trinkwasser.

Dringt der Paratuberkuloseerreger (MAP) in menschliche Darmzellen ein, so ist er in der Lage, sich in diesen Zellen zu vermehren. Gleichzeitig konnten Wissenschaftler im Blut von Morbus Crohn Patienten Antikörper gegen diese spezifischen Proteine in hoher Konzentration nachweisen. (Quelle: AHO, 9.10.2010)

An der chronischen Darmentzündung Morbus Crohn erkranken besonders junge Erwachsene zwischen 16 und 35 Jahren sowie ältere Menschen über 60. Die Krankheit beginnt mit Müdigkeit, Bauchschmerzen und Durchfällen. Zum Teil begleiten krampfartige Schmerzen die Durchfälle. Es können Fieber, starker Gewichtsverlust, Übelkeit und Erbrechen auftreten. Oft kommen zusätzlich vielfältige Beschwerden an anderen Organen und den Gelenken sowie ein allgemeines Krankheitsgefühl hinzu. Die Erkrankung verläuft in Schüben und gilt derzeit als nicht heilbar. Allein in Deutschland sind 170.000 Menschen vom Morbus Crohn betroffen.
Gammelfleisch

Seit 2005 nehmen die Skandale um Gammelfleisch oder »Ekelfleisch« kein Ende. Im Oktober 2005 wurde bekannt, dass eine Firma aus dem bayerischen Deggendorf Schlachtabfälle der so genannten Kategorie 3 im großen Stil als lebensmitteltauglich umdeklarierte und bundesweit an Firmen verkaufte, die sie zu Lebensmitteln verarbeiteten: Rinderfüße, Euter, Hörner, Hühnerskelette, Schweineschwarten, Blut... Seit der BSE-Krise dürfen Schlachtabfälle der Kategorie 3 nicht mehr an landwirtschaftliche Nutztiere verfüttert, geschweige denn direkt in Lebensmitteln verwendet werden. Dennoch werden Kategorie 3-Abfälle frei gehandelt. Keine Behörde weiß, welche Mengen davon in Deutschland anfallen und was damit genau geschieht. Missbrauch ist dadurch Tür und Tor geöffnet.

So lieferte laut Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Memmingen ein Betrieb aus dem schwäbischen Wertingen seit Juni 2006 insgesamt bis zu 180 Tonnen umetikettierte Fleischabfälle an verschiedene Berliner Lebensmittelproduzenten. Das Fleisch gelangte zum großen Teil in die Döner-Produktion, was diesem Skandal im August 2007 den Namen »Dönerfleisch-Skandal« gab.

In anderen Fällen wurde vergammeltes Fleisch anderem Fleisch »untergejubelt« - Wurst und Leberkäs bieteten sich hierbei besonders an. Oder es wurde abgelaufenes Fleisch neu etikettiert und als Frischfleisch ausgepriesen.

Im Sommer 2010 dann die Meldung: Erneut verdorbenes Rindfleisch im Umlauf! Im SWR-Wissenschaftsmagazins Odysso am 8.7.2010 deckte Prof. Manfred Gareis, einer der führenden Fleischexperten in Deutschland, ein neues Gammelfleisch-Problem auf: Vakuumiertes Rindfleisch, dass mit dem bislang nahezu unbekannten Keim Clostridium estertheticum befallen mit herkömmlichen Lebensmitteluntersuchungen nicht nachzuweisen ist. »Das Fleisch wird umverpackt und umettiketiert. Es wird versucht, das Fleisch auf jeden Fall zu retten und durch illegalen Maßnahmen wieder in den Verkehr zu bringen«, so Prof. Manfred Gareis in der Sendung. Er und sein Forscherteam untersuchten hunderte Proben, um festzustellen, wie häufig in Deutschland erhältliches Fleisch mit Clostridium estertheticum belastet ist. Gefunden haben sie den Keim in 88 Prozent aller Stichproben. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) ist der Keim angeblich nicht gesundheitsschädlich. - Aber wurde nicht bei jedem Gammelfleisch-Skandal behauptet, dass keine Gefahr für die Gesundheit bestehe?

Buchtipp

Adrian Peter:
Die Fleischmafia. Kriminelle Geschäfte mit Fleisch und Menschen.

ECON-Verlag, 2006. ISBN-13: 978-3548369686
Preis: 16,95 Euro