Verlag Das Brennglas

Interview mit Karikaturist Bruno

"...Und jetzt ein Jägerschnitzel!"

- Karikatur von Bruno Haberzettl aus: Brunos Jagdrevier, Ueberreuter Verlag, 2006

»Wir sind nur Diener dieser Schöpfung«

Bruno Haberzettl zählt seit Jahren zu den Größen der deutschsprachigen Karikatur-Szene. Die Zeichnungen des österreichischen Karikaturisten und Illustrators werden regelmäßig in überregionalen Pressemedien publiziert. Seit 1995 erscheint seine wöchentliche Karikatur am Sonntag in der Kronen Zeitung, dem österreichischen Gegenstück zu BILD. Darüber hinaus hat Bruno Haberzettl einige Bücher mit seinen Zeichnungen veröffentlicht. Mit Bruno Haberzettl sprach Julia Brunke, Redaktion Freiheit für Tiere.

"Problemlöser"

- Karikatur von Bruno Haberzettl aus der Kronen Zeitung vom 9.10.2011

Freiheit für Tiere: Eine Leserin schickte uns Ihre Karikatur »Problemlöser« aus der Kronen Zeitung. Wir waren so begeistert, dass wir jetzt mehr wissen wollen. Wie sind Sie denn auf die Idee gekommen, diesen Cartoon zu zeichnen?

Bruno Haberzettl: Ich bin ja hauptsächlich ein politischer Karikaturist – die österreichische Innenpolitik ist dabei das Hauptthema. Ich versuche aber immer wieder, Dinge, die mir am Herzen liegen, einfließen zu lassen. Wenn ich ehrlich bin: Die Innenpolitik Österreichs interessiert mich berufsbedingt, aber sie liegt mir nicht am Herzen. Daher versuche ich immer wieder, auch jagdkritische Karikaturen reinzubringen - oder auch die Themen Klimaschutz und Zerstörung der Umwelt.

Ich habe mir zum Beispiel einmal erlaubt, in einem Leserbrief einem Jäger zu widersprechen. Da hatte ein Jäger in der Krone einen Leserbrief geschrieben und wirklich die ganze Bandbreite des Jägerlateins ausgebreitet: Er, der große Jäger und Tierschützer, der ja weiß, wie es läuft und wie die Welt funktioniert. Und dem habe ich dann zurück geschrieben, dass das, was er da als »Tierschutz« deklariert, ein Hohn ist und blanker Zynismus: nämlich mit der Hege Tiere heranzuziehen und dann mit dem Argument, dass es zu viele gibt, die Tiere abzuschießen. - Wenn ich mit Jägern diskutiere, kommt immer das Argument: »Ja, wir wissen ja, wie alles in der Natur funktioniert, wir kennen die Zusammenhänge und wir wissen Bescheid, wir sind eigentlich die wirklichen Tierschützer.« ...Darum ist es mir wichtig - nicht um mich wichtig zu machen - vorweg zu erwähnen, dass ich seit 25 Jahren aktiven Tierschutz betreibe, dass ich sicher neun Teiche angelegt habe, Feuchtbiotope für Frösche und andere Arten, dass ich schon viele Meter Tro­ckensteinmauern gelegt habe für Eidechsenhabitate. Ich betreibe über 40 Nistkästen für die verschiedensten Höhlenbrüter. Also: Mir soll kein Jäger was vormachen.

Freiheit für Tiere: Aber vom Tierschützer zum Jagdgegner ist ja doch noch ein Schritt. Viele Tierschützer wissen ja nicht, was bei der Jagd wirklich passiert, welches Tierleid damit verbunden ist. - Meist gibt es da doch ein Schlüsselerlebnis, wodurch man beginnt, sich mit der Jagd zu beschäftigen.

Bruno Haberzettl: Mein Onkel war passionierter Jäger. Er war ganz ein netter Mensch, kein Sadist, er war Bauer und ist mit den Tieren nicht garstig umgegangen. Mein Onkel hat mich als Bub - mit 13 oder 14 Jahren, mal auf die Jagd mitgenommen. Da hat er mir das Schöne zeigen wollen: Wir sind auf dem Hochstand gesessen und haben das Wild beobachtet. Er hat nicht geschossen, sondern mir das nur gezeigt, und das hat mich sehr fasziniert. Und dann einmal war ich mit und da hat er eine Katze erschossen - vor meinen Augen! Die hat am Dorfrand Mäuse gefangen, mehr hat die nicht gemacht! Er hat also auf die Katze geschossen mit Schrot, und die Katze hat einen riesigen Hüpfer gemacht und ist im Wald verschwunden, ist wahrscheinlich irgendwo elendig zugrunde gegangen. Meinem Onkel war dann auch nicht ganz wohl. Aber mich hat dann das Ganze so abgestoßen: Das Tier, das da elendig zugrunde geht. Und da ist mir erst bewusst geworden, wie grauselig und wie brutal das ist. Die Leute hier bei uns jagen ja nicht, um sich zu ernähren – anders als vielleicht die Leute im Amazonasgebiet, die durch den Wald schleichen und nie das Gleichgewicht zerstören und die alles vom Tier verwenden und einen Respekt davor haben. Im Gegensatz dazu ist die Jagd bei uns eine reine Freizeitveranstaltung. Es geht nur um das Vergnügen. Ich kann den Gedanken kaum ertragen: Dass die zum Spaß mit Gelächter und mit Saufen einem leidensfähigen Tier das Leben aushauchen – und oft machen sie es ja so dilettantisch, dass die Tiere furchtbar leiden.
Das Hauptargument für mich ist: Jagd hat überhaupt nichts mit Naturliebe oder Tierpflege zu tun – überhaupt nichts! Ich habe in den über 25 Jahren, in denen ich in erster Linie Amphibienschutz mache, keinen einzigen Jäger gesehen, der einen Amphibienschutzzaun betreut oder der ein Laichgewässer anlegt. Wenn Jäger »Habitatsbetreuung« machen, dann nur für jagbares Wild.

Freiheit für Tiere: Da wird dann die Blumenwiese gesät für die Rehe, damit man mehr und besser Rehe schießen kann...

Bruno Haberzettl: Oder sie legen eine Wildschweinsuhle an, damit sie wissen, da kommen die Tiere hin, da kann man sie dann abschießen. Ich habe einmal gelesen: »Ein Jäger liebt die Natur wie der Vergewaltiger sein Opfer.« Ich finde, das trifft es...

Freiheit für Tiere: ...wie den Nagel auf den Kopf. - Der Ausspruch stammt von Karin Hutter, der Autorin von »Ein Reh hat Augen wie ein sechzehnjähriges Mädchen«.

Bruno Haberzettl: Wenn ich in den Wald gehe, dann möchte ich nur das Leben in der Natur miterleben dürfen. Aber in dem Moment, in dem ich die Natur zum Jagen oder Fischen missbrauche, ist es immer eigennützig, und das hat nichts mit Naturliebe zu tun.

Freiheit für Tiere: In Ihrer Karikatur »Problemlöser« sind ein »Problemwolf« zu sehen und ein »Problembär« und ein »Problemfuchs« – Gibt es überhaupt »Problemtiere«?

Bruno Haberzettl: Das ist klar mit »nein« zu beantworten.

Freiheit für Tiere:...die Frage war ja auch nur rhetorisch gemeint...

Bruno Haberzettl: Ich weiß (lacht). Das ist wie mit den
»Problemhunden«: Das Problem ist am anderen Ende der Leine. Und so ist es auch, wenn ich eine Fichtenmonokultur mache oder wenn ich überhaupt eine Pflanzenmonokultur mache: dann wird jedes Tier, das sich auf diese Pflanzenart spezialisiert hat, zum Parasit oder zum Problem. Das heißt, der Mensch - in seiner Art wie er Landwirtschaft betreibt, in seiner Art, wie er Forstwirtschaft betreibt - erzeugt gestörte, kranke Verhältnisse. Und die Reaktion darauf ist aber nicht: »Ja, Moment, wir haben da etwas Blödes gemacht. Gehen wir wieder zurück zur Natur, denn die Natur weiß, wie sie das regelt« – Nein! Wir schlagen drauf, wir knattern mit Gift rein – mit noch krankeren Methoden. Also: Wir bringen das immer mehr aus dem Gleichgewicht. – Ja, was soll man das sagen? Sind die Leute alle so deppert? – Ich glaube, die Dummheit und die Gier sind die zwei größten Faktoren, die uns umbringen. Und in der jetzigen Zeit... ich muss ehrlich sagen: Ich sehe gar keine Lösung, keine Verbesserung.

Mit fällt auf, dass diesen Karikaturen viele Menschen zustimmen - die gegen Waffeneinsatz und gegen die Jagd sind - viele sind auf unserer Seite. Aber ich weiß nicht, wie kräftig sie dagegen kämpfen. Allein dass man einer Karikatur zustimmt, ist halt auch zu wenig. Ich würde mir mehr Aktivität in der Bevölkerung wünschen.

Freiheit für Tiere: Das kenne ich auch von Info-Ständen: Viele Leute sind schockiert, wenn sie ein Bild sehen, wo ein Reh blutig am Boden liegt und von einem Jäger aufgeschlitzt wird: »So etwas Grausames kann ich gar nicht sehen!« Aber sich irgendwie damit auseinander setzen, dass dies Realität ist, wollen die wenigsten.

Bruno Haberzettl: Genau. Diese Halbherzigkeiten. Die Leute haben Angst vor dieser harten Wegweichung: Ich muss jetzt endlich einmal für mich klar Schiff machen. Und das ist für viele unangenehm, weil es dann auch die eigene Lebensweise betrifft und man dann eigentlich auch auf Fleischkost verzichten müsste. - Wir essen zu Hause überhaupt kein Fleisch, keine Wurst, keinen Fisch und so was.

Freiheit für Tiere: Wobei - was die Jagd betrifft, da kann doch jeder Mensch - auch wer kein Vegetarier ist -, sagen: »Ich bin dagegen, dass Tiere als Hobby und zum Vergnügen getötet werden.«

Bruno Haberzettl: Die Jagd in Europa hat jegliche Berechtigung verloren! Wenn man bedenkt, dass aufgrund der Jagd dann die letzten seltenen Tierarten dann auch noch abgeknallt werden... Und überhaupt: Es gibt überhaupt keinen Grund, Jagd zu betreiben! Dann sollen sie halt im alpinen Bereich, wo Rehe oder Hirsche den Jungwald gefährden, nicht füttern, dann sollen sie halt auch die Füchse und die anderen Raubtiere lassen und nicht umbringen. Und wenn das immer noch nicht reicht, dann soll ein Förster – und das soll in erster Linie ein Biologe sein, der schießen kann und der nicht angesoffen ist - der soll dann einen Abschuss machen. Aber nicht nur zum Spaß!

Ich muss Ihnen noch ganz kurz eine Geschichte erzählen: Ich bin mit einem Burschen aufgewachsen, der kam vom Bauernhof, und wir haben uns dann später aus den Augen verloren. Er hat dann die Jagdprüfung gemacht und wurde sogar Revierjagdleiter. Und voriges Jahr haben wir dann telefoniert und erzählte mir, dass er das alles aufgegeben hat. Und da bin ich neugierig geworden und habe gefragt: »a, wieso hast du denn aufgehört zu jagen?« Da sagt er: »Du, das ist so brutal und so grauselig, was ich da erlebt habe, dass ich das nicht mehr mit ansehen konnte.« Und da haben bei mir alle Alarmglocken geläutet: Er kommt aus einer einfachen Familie, in der Tierliebe überhaupt keinen Stellenwert hat und war auch selbst nicht besonders feinfühlig. Und wenn er das sagt - das hat Entsetzen bei mir ausgelöst. Er hat mir erzählt von Jagden, da waren die Jäger alle sturzbetrunken. Oder wie sie in Wildschweinrotten reinschießen: Sie sprengen die ganze Rotte! Und Sie kennen dann ja das Problem: wo dann überall verwaiste Ferkel verenden... Also furchtbar. Es ist furchtbar! Oder die Fuchsjagd... Also wenn man das einmal gesehen hat... Ich habe mit meiner Frau im Elsass einmal eine Fuchsmama mit zwei Babys gesehen - das war ein Hotel am Waldrand, und am Waldrand hat sie den Bau gehabt - also, wenn man das sieht, das ist so herzzerreißend...

Freiheit für Tiere: In Deutschland sind nur 0,3 oder 0,4 Prozent der Bevölkerung Jäger. In Österreich sind es mit 1,4 Prozent etwas mehr - aber es ist auch eine absolute Minderheit. Wie kann ein so geringer Prozentsatz der Bevölkerung, so eine verschwindend
kleine Minderheit, so eine Macht haben über unser aller Natur? Ich kann doch gar nicht im Wald spazieren gehen, ohne überall Hochsitze zu sehen, ohne mitzubekommen, wie geschossen wird. Spaziergänger, Reiter und Fahrradfahrer werden angepöbelt, es wird gedroht, den Hund zu erschießen, die Hauskatze gerät in eine Falle oder wird mit Schrot durchsiebt... Wie kann eine so kleine Minderheit so eine Macht über uns alle haben und uns allen den gesamten Naturgenuss zerstören?

Bruno Haberzettl: Die Frage stelle ich mir auch: Wie kann das sein? ...Auch diese Besitzrechte: Ein wild lebendes Tier - gehört das den Jägern? Gehört das nicht genauso auch uns? Wir erfreuen uns, wenn wir durch den Wald gehen und wir sehen auf einer Lichtung Rehe - Haben wir nicht auch das Recht, so was zu erleben? Es kann ja nicht sein, dass das alles schon aufgeteilt ist in den Jagdrevieren und wer was abschießen darf. Wie kann das sein, dass eine absolute Minderheit die große Mehrheit in Geiselhaft nimmt?
Und wie Sie sagen: Man darf ja gar nichts mehr machen! Man darf nicht mit den Hunden spazieren gehen - die Jäger sind ja gleich aggressiv und drohen mit dem Gewehr. - Und diese Treibjagden sind das Allerletzte: Es gibt keine Hasen mehr - und die Trottel machen jedes Jahr die Treibjagden. Und dann noch mit Schrot! Das gehört ja sowieso verboten! Bei der Streuung - und dann voll mit Schwermetallen - der wird ja durchsiebt, der Hase!

Freiheit für Tiere: Aber warum haben die Jäger in Deutschland und in Österreich so eine Macht?

Bruno Haberzettl: Das ist die Jägerlobby. In Österreich ist das ganz schlimm. Die jetzige Jäger-Generation - das sind Golfspieler, denen das Golfspielen zu populär geworden ist. Und nun tut man halt schießen - und ist unter sich. Denn Jagen ist ja ziemlich teuer, wenn man mal schaut, was so eine Revierpacht kostet. Und die ganzen Banker und Politiker - die laden sich alle gegenseitig ein, erst zum Sekt­empfang, und dann fahren sie zum Schießen in den Wald. Und da gibt es bei uns den Mensdorff-Pouilly, der Waffenhändler ist und Lobbyist der Waffenhändler, der Jagdgesellschaften organisiert - die Kirchenleute, die sind natürlich auch immer mit dabei.

Freiheit für Tiere: Die Kirchen rechtfertigen das Abknallen der Geschöpfe Gottes. Laut dem päpstlichen Nuntius Monsignore Kühn darf Jagd durchaus auch Freude machen – das sagte er in einer Pressemitteilung anlässlich eines Jägertages, bei dem er zum Ehrenjäger ernannt wurde. Jahr für Jahr veranstalten die Kirchen Hubertusmessen und segnen Jagd und Jäger...

Bruno Haberzettl:...und ein Schwuler wird nicht gesegnet! - In meiner Familie haben wir uns alle von der Kirche abgewendet, obwohl wir früher in die Kirche gegangen sind. Die Kirche hat uns das ja eingebrockt mit dem Schwachsinn »Macht euch die Erde untertan!« und »Der Mensch ist die Krone der Schöpfung«. Das gefällt jedem Trottel und das kann man leicht nachplappern und es beruhigt einen: »Ich darf alles machen, ich bin die Krone der Schöpfung«. Und die Hirschleichen schleppen sie blutig in die Kirche und da werden die Jäger geweiht und die Waffen geweiht. Und ungetaufte Kinder kommen in die Hölle, wenn auch nicht in die Haupthölle, doch zumindest in die Vorhölle...

Freiheit für Tiere: Und wer den blutigen Hirsch in die Kirche schleppt...

Bruno Haberzettl:...ja, der kommt in den Himmel. Weil der Pfarrer wahrscheinlich einen Rehbraten kriegt.

Freiheit für Tiere: Zurück zu Ihren Karikaturen...

Bruno Haberzettl:...da bin ich schon völlig desillusioniert. Man kann mit Karikaturen nichts verändern. Diejenigen, die sowieso schon so denken, stimmen zu... Das ist überhaupt so in der Kunst: Sie ändern gar nichts! Kein Jäger wird sich überlegen aufgrund eines Bildes oder eines Bühnenstücks, ob er etwas ändern soll.

Freiheit für Tiere: Aber diejenigen, die ähnlich denken, fühlen sich durch Ihre Karikaturen vielleicht bestärkt. Wenn wir in »Freiheit für Tiere« Ihre Karikaturen zeigen, freuen sich doch alle Tierfreunde und schöpfen dadurch vielleicht auch neue Kraft und neuen Mut, sich einzusetzen...

Bruno Haberzettl: Ja, das ist glaube ich das einzige, was das legitimiert. Warum soll man immer nur still sein und den Idioten die Plattform überlassen? - Und es stärkt auch die anderen, die sich nichts zu sagen trauen. Ich denke, wenn man merkt als Gleichgesinnter: Man ist nicht allein, man hat ein großes Forum oder es gibt eine große Anhängerschaft in meiner Überzeugung - das stärkt einen und macht auch mutiger. Daher ist auch ganz wichtig, was Sie mit »Freiheit für Tiere« machen – das finde ich ganz großartig!

Freiheit für Tiere: Es geht ja letztlich um einen Bewusstseinswandel. Leider geht der noch viel zu langsam - aber wenn man mal über Jahre und Jahrzehnte schaut, ändert sich doch etwas: Immer mehr Menschen werden Vegetarier. Und während in den 1980er Jahren in Umfragen die große Mehrheit der Menschen die Jagd befürwortete, steht heute die große Mehrheit dem Hobby-Lusttöten kritisch gegenüber - es sei denn, die Umfrage wird von den Jägern in Auftrag gegeben und bezahlt. Es gibt doch immer mehr Menschen, die nachdenken, spätestens dann, wenn die eigene Katze
erschossen wird.

Bruno Haberzettl: Es ist nur eines das Problem: Ich glaube, uns läuft die Zeit davon. Und das ist nicht nur so bei der Jagd, das ist bei allen anderen Dingen so: mit der Umweltzerstörung vor allem.
Ich habe nur eines für mich erkannt: Ich habe es nicht so mit der Diplomatie – ich kann nicht mit Leuten diskutieren, wenn es mir emotional so nahe geht. Mir hängt dann die Wut und der Frust so im Gesicht, dass ich den auf der anderen Seite gar nicht überzeugen kann. Das war schon so, als ich jung war und versucht habe mit den Bauern zu reden, um die Trockenlegung eines Feuchtbiotops zu verhindern. Das einzige, was ich für mich so herausgefunden habe, ist diese Beispielwirkung: Ich mache eben Amphibienschutz. Da gibt es dann viele, die sagen: »Das ist ja bescheuert - was macht der denn da? In seiner Freizeit? Und sein Geld gibt er aus und schleppt da kiloweise Steine herbei?« – Und dann sind da wirklich einige, die sagen: »Der steht voll im Leben und zahlt seine Steuern - der muss sich was überlegt haben dabei. Der muss ja einen Grund haben, warum er das macht.« - Also, ich glaube, dass das nicht schlecht ist...

Freiheit für Tiere:...die Vorbildwirkung.

Bruno Haberzettl: Ja.

Freiheit für Tiere: Also mir geht es auch so: Ich muss das, was mich bewegt, kanalisieren und irgendwie umsetzen. Wenn ich eine Treibjagd miterlebe, dann schreibe ich einen Artikel und mache eine Pressemitteilung...

Bruno Haberzettl: Ja, klar. Aber wie geht es Ihnen dann emotional? - Ich bewundere ja immer die Tierschützer, die da mit Kameras bei Massentierhaltungen stehen und das dokumentieren - also, ich könnte das nicht.

Freiheit für Tiere: Wir haben bei der Buchmesse an unserem Stand einen Schlachthof-Film gezeigt. Da wurde ich auch immer wieder gefragt: »Wie halten Sie das nur aus?« Dazu muss ich sagen: Ich kann das anschauen, weil ich will, dass das die Leute sehen! Man muss diese Bilder zeigen, damit sie Leute die Wahrheit sehen: welches unsagbare Leid mit dem Fleisch essen oder der Jagd verbunden ist. Es muss sich ja etwas in den Menschen ändern!

Bruno Haberzettl: Die Moralisten sagen immer: »Wie war das nur möglich mit dem Holocaust?« - oder mit anderen Grausamkeiten wie Krieg. Mich wundert das gar nicht! In dem Moment, wo ich mich hinstelle und sage: »Diese Pflanze ist Unkraut« ...diese Pflanze, die sich in Millionen von Jahren evolutionär entwickelt hat und eine ganz spezielle Aufgabe hat. Noch schlimmer ist es natürlich bei Tieren: »Das ist ein Schädling.« Und der nächste Schritt ist dann ganz klar: »Das ist ein Untermensch.« Und solange wir diesen Faschismus in uns haben, dass wir beurteilen, was ein Recht hat zu leben und was nicht, darf einen das nicht wundern!

Freiheit für Tiere: Genau das haben ja auch große Dichter und Denker immer wieder zum Ausdruck gebracht! Leo Tolstoi beispielsweise, wenn er sagte: »Vom Tiermord zum Menschenmord ist nur ein Schritt.« Oder: »Solange es Schlachthäuser gibt, wird es auch Schlachtfelder geben!«

Bruno Haberzettl: Ja, genau. - Meine große Hoffnung ist die Jugend. Ich bin jetzt selber 46, also nicht im Greisenalter, aber ich habe einen riesen Respekt vor den Jungen, die sich da hinstellen beim Jägerball und friedlich demonstrieren - oder in Spanien gegen den Stierkampf. Hut ab! Das sind junge Leute, die könnten auch Ski fahren oder Fußball spielen. Da sollte sich doch jeder denken: Die müssen einen Grund haben, warum die das machen!

Freiheit für Tiere: Wie sollte denn aus Ihrer Sicht der Mensch mit Tieren umgehen?

Bruno Haberzettl: Das Problem ist, dass das einfach nicht umzusetzen ist, weil uns einmal die Zeit fehlt - und zum anderen, weil wir zu wenig Mensch und einfach zu viel Monster sind.

Das »Paradies« wäre für mich, dass uns endlich bewusst wird: Wenn es etwas gibt, das zu erhalten ist und wovon wir leben und was wirklich das oberste in der Schöpfung ist, dann ist es die Schöpfung selbst - und wir sind nur Diener dieser Schöpfung und ein ganz verletzbares Glied. Und wir sind nur glücklich, wenn wir in einer gesunden Umwelt leben. Schon allein rein aus Egoismus. Mich ärgert es ja immer, dass man immer alles mit dem Blickwinkel »Welchen Nutzen hat das für den Menschen?« deklarieren muss. Dabei wäre es ja am besten für die Welt, es gebe gar keine Menschen...

Was wäre für den Menschen das Beste?« – Ideal wäre, dass man Räume, die nicht ganz intensiv vom Menschen genützt werden müssen, ganz effizient der Natur widmet. Es gibt so viel Dinge, die einfach leicht nachvollziehbar wären, auch in unseren dichtbevölkerten Regionen. Hochwasserschutz ist beispielsweise sofort verbindbar mit der Renaturierung von Flusslandschaften. Und ich glaube, die Kos­ten für die Renaturierung würden nur einen Bruchteil der Schadenbehebung ausmachen. Das ist ja nicht unvernünftig! Und das wichtigste für uns ist: Wir brauchen wenig oder gar kein Fleisch. Das Allerschlimmste ist die Fleischproduktion, die Rindermassenproduktion, die ja wirklich eine Katastrophe ist: angefangen von der Zerstörung der Regenwälder für die Futtermittelproduktion bis zum Wasserverbrauch für Futtermittel. Wenn man die Felder für pflanzliche Lebensmittel verwenden würde, würde viel weniger Wasser verbraucht... Es tut mir leid, ich bin leider nicht geübt in so rhetorischen Dingen. Deswegen zeichne ich ja auch.

Freiheit für Tiere: Über gute Karikaturen freuen wir uns immer!

Bruno Haberzettl: Ja, da habe ich noch einige. - Und wenn wir mal etwas machen könnten über aktiven Naturschutz, nämlich auch für Gartenbesitzer - da kann man nämlich irrsinnig leicht und mit wenig Aufwand etwas Gutes tun.

Freiheit für Tiere: Da können wir uns gerne etwas zusammen für die übernächste Ausgabe von Freiheit für Tiere überlegen!

Bruno Haberzettl: Das wäre super! Und ich würde mich freuen, wenn wir da ein bisschen was verändern können!

Freiheit für Tiere: Das haben Sie gut gesagt. Und vielen Dank für dieses sehr interessante Gespräch!

"Die Waffen nieder!"

- Karikatur von Bruno Haberzettl aus: Brunos Tierleben, Ueberreuter Verlag, 2010

Über Bruno Haberzettl

Bruno Haberzettl wurde 1965 im niederösterreichischen Horn geboren. Nach der Matura war er sieben Jahre als Beamter in der Wiener Handelskammer tätig, daneben studierte er Jura. Mit 24 Jahren begann er zu zeichnen. Er illustrierte Bücher und Lernhilfen sowie Theaterplakate, CD-Cover Zeichentrickfilme. Seit 1990 ist er als freier Zeichner und Illus­trator tätig, seit 1995 mit der wöchentlichen Korrektur für die Kronen
Zeitung sowie als Werbezeichner für Feldensteiner Bier. Bruno Haberzettl wohnt mit seiner Familie im südlichen Niederösterreich.

Bruno Haberzettls Jagdrevier ist ganz Österreich und seine Waffe ist kein Gewehr, sondern die spitze Feder und sein subtiler Humor. Er bläst zum Halali auf den Wahnsinn unserer Zeit, auf übertriebene Eitelkeiten und politische Absurditäten.

Bruno Haberzettl:
Brunos Jagdrevier
Ueberreuter Verlag, 2006
ISBN 978-3-8000-7230-9

Die Gattung Mensch ist von der wahnwitzigen Idee befallen, das Maß aller Dinge zu sein! Dabei benehmen wir uns bei Futteraufnahme, Revierverhalten, Balz und Paarung mindestens genauso tierisch wie unsere »Kollegen«...

Bruno Haberzettl:
Brunos Tierleben
Ueberreuter Verlag, 2010
ISBN 978-3-8000-7480-8