Verlag Das Brennglas

Freiheit für Tiere-Interview

„Ich glaube nicht, dass den meisten Menschen das Ausmaß der Tierquälerei in der Intensivhaltung und den Schlachtereien tatsächlich bekannt ist“

Während Vegetarier vor einigen Jahren noch belächelt wurden und sich rechtfertigen mussten, warum sie keine Tiere essen, ist es heute umgekehrt: Sind ein Fleischesser und ein Vegetarier heute beim Essen, rechtfertigt sich der Fleischesser: „Ich weiß, man sollte weniger Fleisch essen“ oder: „Ich esse ja auch nur noch ganz wenig Fleisch“. - Was ist passiert?

Karen Duve:
Die Aufklärungsarbeit, die Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen über Jahrzehnte kontinuierlich geleistet haben, zahlt sich allmählich aus. Die Misshandlung sogenannter Nutztieren ist zum großen Thema in den Medien geworden und dadurch ist eine kritische Öffentlichkeit entstanden. Das liegt natürlich auch daran, dass die Zustände in der Massentierhaltung von Jahr zu Jahr immer noch schlimmer geworden sind, und dass seit wenigen Jahren auch der Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und der globalen Erwärmung mit ihren katastrophalen Folgen für uns alle bekannt ist. Wenn es plötzlich ans eigene Leder geht, kommt man viel schneller zum Nachdenken.

Sie haben selbst Ihr Leben lang Fleisch gegessen – obwohl Sie, wie Sie in Ihrem Buch schreiben, im Grunde wussten, dass für das Fleisch auf unserem Teller Tiere grausam leiden und sterben mussten. Warum, denken Sie, machen sich nur wenige Menschen Gedanken, ob das Essen von Tieren ethisch vertretbar ist?

Karen Duve: Wenn man sich informiert, wie ein Putenschnitzel oder ein Kotelett hergestellt wird, kommt man zu unerfreulichen Erkenntnissen – so unerfreulich, dass man nicht darum herum kommt, die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen, nämlich kein Fleisch oder zumindest deutlich weniger Fleisch aus deutlich anderer Haltung zu kaufen. Und Lösungsmöglichkeiten, die persönlichen Verzicht bedeuten, Geld kosten oder Umstände machen, sind nun einmal unbeliebt. Ziehe ich diese Konsequenzen aber nicht, so muss ich der Tatsache ins Auge sehen, dass Mitgefühl und Moralität in meinem Leben eine deutlich geringere Rolle spielen als Eigennutz und das lächerliche kleine Vergnügen am Genuss. Nicht gerade eine Win-win-Situation. Wenn ich mich hingegen entscheide, gar nicht erst nachzudenken, kriege ich alles, was ich will, und kann trotzdem weiter ungestört dem Irrtum anhängen, ich wäre eine nette Person. Übrigens glaube ich nicht, dass den meisten Menschen das Ausmaß der Tierquälerei in der Intensivhaltung und den Schlachtereien tatsächlich bekannt ist.

Was muss passieren, dass sich noch mehr Menschen darüber Gedanken machen?

Karen Duve: Aufklärung mit erhobenem Zeigefinger verärgert die Menschen und macht sie trotzig. Im Grunde wissen viele ja bereits, dass es nicht in Ordnung ist, wie sie sich ernähren. Es hilft, die Menschen dort abzuholen, wo sie sich gerade befinden. Es macht wenig Sinn, mit einem enthusiastischen Grillfreund über Frutarismus – also die Berücksichtigung auch pflanzlichen Lebens – zu diskutieren, aber gegen Massentierhaltung sind eigentlich alle und dass deutlich weniger Fleisch gegessen werden muss, sehen auch viele ein. Wir müssen auch die Menschen mit ins Boot holen, die sich von einer ethisch konsequenten Ernährungsweise überfordert fühlen. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass in zehn Jahren 50 Prozent aller Deutschen zu Vegetariern geworden sind, aber es ist durchaus denkbar, dass in zehn Jahren nur noch halb so viel Fleisch gegessen wird wie heute. Und natürlich gehört es auch in die Verantwortung einer Regierung, die Bevölkerung über die Herstellung ihrer Nahrung und die Folgen für Umwelt, Klima und Tiere aufzuklären. Ein Fernsehspot direkt vor der Tagesschau wäre eine Möglichkeit oder Aufklärung in Schulen. Noch besser wäre es allerdings, wenn die Regierung dafür sorgt, dass Fleisch aus Massentierhaltung gar nicht erst in die Supermärkte gelangt. Denn wenn es auch unterschiedliche Meinungen darüber gibt, ob es ethisch vertretbar ist, Tiere zu töten, um sie zu essen, so herrscht doch große Einigkeit darüber, dass sie vorher zumindest nicht gequält werden dürfen. Und die Politiker haben gefälligst dafür zu sorgen, dass diesem gesellschaftlichen Ethik-Konsens entsprochen wird.

Viele Menschen zeigen Abscheu, wenn sie Bilder oder Filme aus der Massentierhaltung oder Schlachthöfen sehen. Warum, denken Sie, wird diese Abscheu nicht auf das Fleisch übertragen?

Karen Duve: Weil Gefühle wie Mitleid oder auch Abscheu Nähe brauchen. Ein Stück Fleisch in einer PVC-Schale hat nicht mehr allzu viel Ähnlichkeit mit dem Tier, das dafür gequält und getötet worden ist. Die Folie sorgt dafür, dass es nicht einmal mehr riecht, und Teile des Tieres wie Herzen, Nieren oder ganze Kalbsköpfe, sieht man heutzutage kaum noch. Nichts soll den tierliebe Kunden daran erinnern, dass seine Nahrung von einem fühlenden Lebewesen stammt.

Sie haben es ja im Selbstversuch ausprobiert: Ist Bio-Fleisch eine Alternative?

Karen Duve: Bio-Fleisch ist besser, aber nicht gut genug. Seit Bio-Fleisch so beliebt geworden ist, dass es auch in den großen Supermärkten zu haben ist, wird der Anspruch, Tieren in der Bio-Haltung ein halbwegs artgerechtes Leben zu bieten, durch das Supermarkt-Prinzip, alles so billig wie möglich anzubieten - also auch zu produzieren –, aufgeweicht. Außerdem stellt sich natürlich folgende Frage: Wenn es nicht in Ordnung ist, Tiere zu quälen – wie kann es dann in Ordnung sein, sie zu töten? Das ist doch irgendwie nicht ganz logisch.

Während sich ja die meisten Menschen als vernünftig bezeichnen würden, sind viele ausgerechnet bei der Ernährung vernünftigen Argumenten wenig zugänglich. Wenn es um den Gaumenkitzel geht, wird nicht nur das Tierleid ausgeblendet, sondern auch die globalen Folgen des Fleischkonsums wie Umweltzerstörung und Hunger in der Welt. Die vielen Lebensmittelskandale zeigen auch immer wieder, dass selbst die eigene Gesundheit dabei egal zu sein scheint. Was ist da los in den Köpfen?

Karen Duve:
Leider nicht so viel. Bei der Auswahl der Nahrungsmittel scheint das Großhirn auf Sparflamme zu schalten. Das Grundgefühl, „das habe ich schon immer so gemacht, und alle anderen machen es ganz genauso, deswegen kann das nur richtig sein“ verleiht uns anscheinend eine seelische Imprägnierung, an der die stärkten Argumente und schlimmsten Bilder abprallen wie Wasser an einer Ente. Aber erfreulicherweise bekommt diese Imprägnierung bei immer mehr Leuten immer größere Risse.

Sie leben selbst mit einigen Tieren zusammen. Glauben Sie, dass Tiere Gefühle haben und Schmerz empfinden, ähnlich wie wir Menschen?

Karen Duve: Um das zu leugnen, müsste man schon sehr ignorant sein. Was ein Gehirn hat, fühlt und denkt, und was ein Nervensystem hat, kann auch Schmerzen empfinden. Möglicherweise könnte es von Spezies zu Spezies graduelle Unterschiede in der Schmerzwahrnehmung geben, aber für besonders wahrscheinlich halte ich das nicht. Die Fähigkeit zur Schmerzempfindung hat für alle Tiere inklusive Menschen dieselbe Funktion, nämlich vor Verletzungen zu schützen. Und die ist für alle Tiere gleich überlebenswichtig.

Ihr Buch trägt den Titel „Anständig essen“. – Was sollte Ihrer Meinung nach ein anständiger Mensch essen - oder eben nicht essen?

Karen Duve: Er sollte sich vor allem erst einmal bewusst machen, was er da isst und wie es hergestellt worden ist, dann ergibt sich das meiste von selbst. Fleisch aus Massentierhaltung geht gar nicht, das ist nun wirklich die allerunterste Schamgrenze. Der einzig ethisch konsequente Weg ist die vegane Ernährung. Was mit den Kühen und Kälbern in der Milchwirtschaft passiert, kommt mir fast noch schrecklicher vor als das Leid der Masttiere. Trotzdem ist das Ablassen von Gewohnheiten – so grausam sie auch immer sein mögen – kein einfaches Unterfangen. Und nur, weil man nicht in der Lage ist, es 100%ig gut zu machen, sollte einen das nicht davon abhalten, es wenigstens besser zu machen. Ich selber lebe zur Zeit vegetarisch, versuche aber auch, so viel wie möglich von den Veganern zu übernehmen – alles, was mir leicht fällt, und einiges von dem, was mir nicht ganz so leicht fällt.